Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hainsfarth

Bereits für das Jahr 1434 ist jüdisches Leben in Hainsfarth urkundlich bezeugt. Damit gehörte diese israelitische Gemeinde neben Oettingen und Wallerstein zu den ältesten im Ries. Trotz mancher Vertreibungen und Verfolgungen der Juden im Mittelalter förderten die Grafen von Oettingen die Ausbreitung und das Wachstum der jüdischen Gemeinde Hainsfarth.

Im 18. Jahrhundert wuchs diese sehr stark an und bildete über Hundert Jahre lang die stärkste Glaubensgruppe noch vor den Katholiken und Protestanten. Ein Bethaus ist bereits für das 18. Jahrhundert bezeugt und zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde eine Schule und eine Mikwe errichtet. Erst 1850 konnte ein eigener Friedhof errichtet werden, nachdem vorher die Verstorbenen in Wallerstein beigesetzt worden waren. Im 19. Jahrhundert kam es zu einem massenhaften Wegzug vieler Hainsfarther Juden in die Großstädte und nach Amerika. Bekannte Personen wie kalifornische Multimillionär Michael Ries, der Münchner Bankhausgründer Heinrich Aufhäuser oder die Schauspielerin Therese Giehse stammen aus Hainsfarth oder haben ihre Wurzeln dort. Durch den starken Wegzug blieb nur noch eine stark überalterte und zusammengeschrumpfte Gemeinde übrig. Das Ende bildete 1942 die Deportierung der letzten jüdischen Einwohner von Hainsfarth in die Vernichtungslager.
In den Jahren 1993 bis 1996 wurde die 1860 eingeweihte Synagoge restauriert und bildet heute zusammen mit der renovierten Judenschule, dem Friedhof und den vermutlichen Resten einer alten Mikwe ein wunderbares Ensemble, das an die bedeutende jüdische Geschichte in Hainsfarth erinnert.

Die Grafen von Oettingen erhielten im Jahr 1331 das kaiserliche Judenregal, das ihnen erlaubte, in ihrem Herrschaftsbereich Juden anzusiedeln und die Gebühren und Steuern für deren Schutz einzutreiben. Die von Kaiser Ludwig dem Bayern am 30. Mai 1331 in Nürnberg ausgestellte Urkunde erlaubte Graf Ludwig VI. zu Oettingen den Juden, "die jetzt bei ihm seßhaft sind oder seßhaft werden, daß er sie empfangen, nutzen und nießen solle." Damit wird bestätigt, dass bereits damals in der Grafschaft Oettingen Juden ansässig waren. Vor allem in den Residenzorten Oettingen, Wallerstein und Baldern dürften diese gelebt haben.

Ein früher Nachweis ist eine Urkunde im oettingischen Archiv auf der Harburg  aus dem Jahr 1345 in der ein Jude namens Pfefferkorn sich gegen den Oettinger Grafen für eine Jüdin aus Gunzenhausen verbürgt. Interessant ist das Siegel, das den in Baldern wohnenden Pfefferkorn als wohlhabenden und einflußreichen Mann ausweist. Vermutlich war er im Gewürzhandel tätig. Entsprechend zeigt sein Wappen drei Pfefferkörner.

In dieser Zeit bildeten sich in der Grafschaft Oettingen weitere Judengemeinden. Die bedeutendste war die in Wallerstein. Der dortige Friedhof bildete ein Zentrum, wo viele Rieser Juden aus anderen Gemeinden ihre Toten bestatteten. Im Ries sind neben Wallerstein und Oettingen die jüdischen Gemeinden Kleinerdlingen Mönchsdeggingen, Harburg und Ederheim zu erwähnen. Im benachbarten Württemberg befinden sich die Ansiedlungen in Pflaumloch, Oberdorf und Aufhausen bei Bopfingen und in Franken die von Mönchsroth und Schopfloch.

Während sich in der Nachbarschaft von Oettingen die Gemeinden in Hainsfarth und Steinhart über die Jahrhunderte stark weiterentwickelten, waren die kleinen Judengemeinden in Megesheim und Trendel im 16. und 17. Jahrhundert nur von kurzer Dauer.  

Der erste bekannte schriftliche  Nachweis jüdischen Lebens in Hainsfarth stammt aus einer Nördlinger Stadtrechnung des Jahres 1434. Demnach wurde am Nördlinger Henkelberg ein Jude aus Hainsfarth begraben. Der Visitationsbericht des Bischofs von Eichstätt aus dem Jahr 1480 nennt vier in Hainsfarth ansässige Juden. Hierbei handelte es sich natürlich um den Haushalt mit der ganzen Familie und dem Gesinde. Im Laufe der Jahrhunderte häufen sich die urkundlichen Belege und ab 1583 kennen wir auch erstmals die Namen von Hainsfarther Juden und die Anwesen, in denen diese gelebt haben. Es gab in Hainsfarth kein jüdisches Viertel, sondern die Juden lebten Tür an Tür mit den Christen. Dies änderte sich auch nicht grundlegend, als in der Judengasse, jetzt Jurastraße, sich im Laufe der Zeit eine Konzentration jüdischen Lebens sammelte. 

Den Grundstock für die Entstehung dieses jüdischen Zentrums in der heutigen Jurastraße in Hainsfarth bildet der Verkauf des Anwesens Wittig im Jahr 1616. Das Anwesen gehörte zu den wenigen Freihäusern im Dorf, die keine Steuerabgaben zu entrichten hatten. Zu diesem Haus gehörte damals auch der Bereich der heutigen Synagoge. Der Vorbesitzer Emeram Seefried war als Bürgermeister in die Dienste der Oettinger Grafen gekommen und hatte die Amtsverwaltung in Klosterzimmern inne. Damals war es für wohlhabende Familien üblich, sich einen Nebenbesitz auf dem Land zu leisten. Oftmals handelte es sich hier um fest gebaute, schloßartig angelegte Steinhäuser, die aus den einfachen Hütten der Dorfbewohner hervorstachen. In Hainsfarth gab es zu dieser Zeit neben dem Wittig-Anwesen auch noch das spätere Gasthaus zur Sonne, das als Freihaus einem Oettinger Notar gehörte. Der stattliche Renaissance-Bau mit seinem Turm ist noch heute erhalten.

Nach dem Umzug von Emeram Seefried nach Nördlingen verkaufte dieser im Jahr 1616 sein Freihaus an den Juden Xander und dessen Sohn Samuel aus Wassertrüdingen. Diese Familie musste nun in den Schutz der Oettinger Grafen aufgenommen werden. Die neuen Besitzer des stattlichen Freihauses waren sicherlich sehr sehr wohlhabend. Da sie jedoch von der Steuer befreit waren, geben die Unterlagen über deren Vermögen keinen Aufschluß.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat diese wohlhabende Familie damals in ihrem Hofraum eine Mikwe errichten lassen, deren Spuren vor einigen Jahren entdeckt worden sind. Bei der archäologischen Untersuchung der Überreste fand sich noch die unterste Reihe der gewaltigen Quadersteine in situ. Auch die untersten Stufen der Treppe waren noch erhalten. Die oberen Steinteile dagegen waren jedoch bei den Baggerarbeiten durch Unachtsamkeit bereits herausgerissen und teilweise abtransportiert worden. Durch eine rechtzeitige wissenschaftliche Untersuchung wären genauere Erkenntnisse über die Geschichte und das Aussehen dieser Mikwe zu erzielen gewesen.

Sicher ist jedenfalls, dass die wenigen Begleitfunde, die bei der Anlage des Hainsfarther Ritualbades in die Baugrube gelangt sind, einer Datierung in die Zeit ab 1616 nicht entgegensprechen.

Die allgemeinen Zeitläufe im 30-jährigen Krieg mit der starken Entvölkerung auch von Hainsfarth legen nahe, dass die Mikwe bereits nach der Schlacht bei Nördlingen im September 1634 ungenutzt blieb und verfallen ist. In der Folgezeit sind vermutlich in Hainsfarth die Ritualbäder als einfache, kleine Anlagen in privaten Wohnhäusern untergebracht gewesen.  

Von den ehemals 120 Anwesen in Hainsfarth waren nach dem 30-jährigen Krieg mehr als die Hälfte öde und verlassen. In der damals sogenannten Steggasse Richtung Steinhart - der heutigen Jurastraße - waren zeitweise nur noch zwei Häuser bewohnt. Der Wiederaufbau zog sich über Jahrzehnte hin. Auch in Hainsfarth sorgten viele Zuwanderer für neues Leben. In der Steggasse siedelten sich nun vermehrt jüdische Familien an, sodass bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier fast ausnahmslos Juden wohnten. Dass sich nun die Bezeichnung der Straße in "Judengasse" änderte liegt auf der Hand.

In dieser Straße wurde 1722 auch die erste Synagoge mit Vorsingerwohnung errichtet. Vermutlich war es nur Zufall, dass genau neben dem Platz der ehemaligen - inzwischen sicherlich verfallenen - Mikwe dieses neue Gebäude erbaut worden ist. Die Postkarte aus der Zeit um 1900 zeigt einen Blick in die Hainsfarther Judengasse. Die hier etwas zu groß dargestellte Synagoge (ganz rechts) bildete das Zentrum der Straße und der ganzen Gemeinde.

Für Hainsfarth ist im Jahr 1667 ein Abraham als Judenschulmeister bezeugt. Damals beschränkte sich der Unterricht auf religiöse Themen und fand in der Synagoge oder im Haus des Vorsingers statt. Daneben waren für die wohlhabenden Juden teilweise auch noch Privatlehrer tätig. Im Jahr 1810 wurde das Vorsingerhaus durch einen Schulhaus-Neubau ersetzt. In den Jahren 2016 bis 2018 wurde die Hainsfarther Judenschule grundlegend saniert.

Dieses Schulhaus war in den ersten Jahren nach seiner Errichtung mit 70 bis 90 Schülern voll ausgenutzt. Da dem israelitischen Lehrer entgegen den christlichen keine Grundstücke zur Verfügung standen, erfolgte die Besoldung von der Kultusgemeinde und den Eltern der Schüler. Das Niveau der jüdischen Schule in Hainsfarth war durchaus anspruchsvoll. So besuchten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rund dreimal soviele israelitische als christliche Kinder von Hainsfarth die Lateinschule und das Progymnasium in Oettingen. Der seit 1909 in Hainsfarth tätige Lehrer Emil Goldschmidt wurde im 1. Weltkrieg als Soldat eingezogen. Er ist am 1916 in Rumänien gefallen

Die katholische Schule in Hainsfarth 1931 mit Lehrer Adolf Lutz

Durch den allgemeinen Bevölkerungsrückgang sank auch die Zahl der Neueinschulungen an der Hainsfarther Judenschule drastisch. Im Jahr 1923 war die Zahl der Schüler so stark gesunken, dass der Schulbetrieb eingestellt werden musste.

Der letzte Lehrer Ferdinand Kissinger war  nach der Auflösung der Hainsfarther Schule in München als Hauptlehrer tätig. Er wurde 1941 in Kaunas in Litauen als Häftling ermordet.

Die jüdischen Schulkinder in Hainsfarth wurden nach der Auflösung der Schule auf die christlichen Konfessionsschulen verteilt. Hier im Bild die katholische Schule im Jahr 1931 mit Lehrer Adolf Lutz.  In der Bildmitte ist die Schülerin Berta Aufhäuser zu sehen. Sie wurde 1924 als Tochter des Viehhändlers Willy Aufhäuser in Hainsfarth und seiner Frau Martha geb. Westheimer in der Jurastraße 19 geboren. Mit einem Kindertransport kam Berta Aufhäuser im Jahr 1938 nach England und war später in den USA verheiratet, wo sie 2003 verstorben ist. Ihre Eltern blieben in Hainsfarth und versuchten zu spät noch eine Auswanderung nach Brasilien zu erreichen. Sie wurden deportiert und gelten als verschollen. 

Im Jahr 1813 wurde im Königreich Bayern das Judenedikt erlassen. Fortan war es den Juden auch erlaubt, sich im Handwerk zu betätigen und Grundbesitz zu bewirtschaften. Die Zahl der jüdischen Haushalts- oder Matrikelstellen wurde jedoch durch diesen Erlass streng begrenzt. Nur zögerlich betätigten sich die Hainsfarther Juden im Handwerk. Zu sehr waren die alten Traditionen der Handelstätigkeit in den Familien verwurzelt. Wir sehen eine Aufstellung der Berufe aus dem Jahr 1821. Die zehn Güterhändler und Geldverleiher hatten es hier natürlich teilweise zu großem Wohlstand gebracht. Auch die 45 Hainsfarther Viehhändler zählten meist zu den wohlhabenderen Familien. Das Schmusen - also das Vermitteln von kleineren Geschäften -, der Handel mit Ellenwaren, Federn, Altkleidern oder Alteisen reichte dagegen oftmals gerade so zum Lebensunterhalt.

Bereits um das Jahr 1700 machte die jüdische Bevölkerung in Hainsfarth einen Anteil von etwa einem Viertel aus. Hundert Jahre später waren in Hainsfarth etwa 40 % der Bevölkerung jüdischen Glaubens. Die restliche Bevölkerung bestand damals etwa zu zwei Dritteln aus Katholiken und einem Drittel Protestanten.

Auf diesem Ortsplan ist die Religions- und Konfessionsverteilung in Hainsfarth im Jahr 1830 eingetragen. Die grün markierten jüdischen Häuser konzentrierten sich in der Judengasse, sowie südlich des Dorfplatzes und im unteren Bereich der Mühlgasse. Jedoch wechselte durch Verkauf diese Verteilung ständig und so lebten Juden mit katholischen und evangelischen Christen Haus an Haus und Tür und Tür. Der starke Wegzug der Hainsfarther Juden vor allem ab 1850 führte dazu, dass diese ab etwa 1900 zu einer deutlichen Minderheit geworden waren. Noch vor dem Beginn der Naziherrschaft war die jüdische Gemeinde in Hainsfarth damit stark geschrumpft und überaltert.  

Dieses Luftbild zeigt Hainsfarth um 1920. Ganz oben neben der rechten Bildecke liegt der Judenfriedhof.

Oben die Synagoge mit der alten Mikwe in der Judengasse. Am linken Bildrand ist die neue Mikwe unter belaubten Bäumen kaum zu erahnen. Diese Mikwe wurde im Jahr 1829 im Garten eines jüdischen Anwesens neu erbaut. Vorausgegangen war die Anordnung durch das Königreich Bayern, dass die jüdischen Ritualbäder im Land auf ihre Eignung hin untersucht werden mussten. Von den 182 im Kreis erfassten Bädern wurden nur vier als zweckmäßig erachtet. In Oettingen und Hainsfarth wurden die bisherigen Einrichtungen als sehr mangelhaft befunden. Wo der Vorgängerbau in Hainsfarth gelegen hat, ist leider nicht festzustellen. Möglicherweise befand sich damals die Mikwe in einem Privathaus.

Am 15. Mai 1829 wurden die beiden jüdischen Gemeinden in Oettingen und Hainsfarth angemahnt, weil sie immer noch keine Bauplanung vorgelegt hatten. Dann ging es jedoch sehr schnell.

Vom 24. Juni datiert ein vom fürstlichen Bauinspektor Wörlein gefertigter Plan für das Hainsfarther Bad-Häuschen. Noch im gleichen Jahr wurde die Mikwe errichtet. Zwischenzeitlich war es üblich geworden, hier auch eine Feuerung mit Beheizung des Wassers einzurichten.

Das einzige Foto der Hainsfarther Mikwe bildet dieses Luftbild aus dem Jahr 1959.

Am oberen rechten Bildrand etwas versteckt das Dach des Gebäudes hinter dem Stadel des Bauern Buckel zu sehen. Um 1961 wurde das zwischenzeitlich sehr baufällige Haus abgerissen. Zur Orientierung: Links im Bild das Gasthaus zur Sonne. Anstelle der beiden rechts daneben angrenzenden Häuser befindet sich heute der Kindergarten mit dem Rathaus.

Obwohl es im Nachbardorf Steinhart einen eigenen Judenfriedhof gab, mussten die Hainsfarther ihre Verstorbenen über Jahrhunderte in das 12 Kilometer entfernte Wallerstein zur Beerdigung bringen.

Für eine Gemeinde mit über 400 Mitgliedern war das natürlich ein äußerst unbefriedigender Zustand. So beantragte am 19. November 1849 die Kultusgemeinde Hainsfarth die Errichtung eines eigenen Friedhofes. Das Grundstück am nordöstlichen Dorfende war bereits ausgewählt worden. Es folgten die üblichen amtlichen Gutachten über die Eignung des Platzes. Die Anlage des Friedhofes mit der Umfassungsmauer und dem Friedhofshäuschen wurde rasch umgesetzt und so konnte am 27. Oktober 1850 mit der Händlerswitwe Chaia Neumann die erste Beisetzung in Hainsfarth vorgenommen werden.

Ein echtes Hainsfarther Original war die "Schweden-Wally". Sie wurde im Jahr 1905 in Hainsfarth als Tochter von Joseph und Walburga Dollrieß geboren. Ihr Vater war als Steinbruch-Sprengmeister und jüdischer Totengräber tätig. Nach dem Krieg bezog sie mit ihrem Mann Georg Wagner die Friedhofswohnung. Bis ins hohe Alter hinein kümmerte sie sich liebevoll um die Pflege des Friedhofes. Besuchern erzählte sie mit großer Leidenschaft von den Grabsteinen und den dort bestatteten Personen. Dieses Engagement brachte ihr den Namen "Friedhofs-Wally" ein. In mehreren Zeitungsberichten, Radio- und Fernsehbeiträgen wurde über sie berichtet. Im Bild ist sie mit einem Fernsehteam zu sehen. Verstorben ist sie am 25. November 2003 mit 98 Jahren.  

Die allermeisten der 290 Grabsteine sind noch heute vorhanden. Alle Gräber wurden vor Jahren in einer Forschungsarbeit dokumentiert.

Im Jahr 1856 wurde die alte Synagoge aus dem Jahr 1722 wegen gravierender Schäden baupolizeilich geschlossen. Die samstäglichen Gottesdienste fanden daraufhin in einem provisorisch zum Betsaal umfunktionierten Schulzimmer statt. Nach dem Abbruch des alten Gebäudes konnte zu Beginn des Jahres 1859 mit dem Neubau begonnen werden. Die Einweihung erfolgte am 24. August 1860. Rechts im Bild sehen Sie das Programm der Einweihungsfeier sowie dahinter eine Postkarte, die 1906 versendet worden ist mit Kirche und Synagoge. In Hainsfarth pflegten Christen und Juden meist ein gut nachbarschaftliches, ja teilweise freundschaftliches Verhältnis. So berichten Zeitzeugen, dass einmal im Jahr an einem Festtag die Christen in die Synagoge eingeladen wurden. Auch war es durchaus üblich, dass Christen in jüdischen Haushalten beschäftigt wurden. Auch die Reinigung der Synagoge oder den Totengräberdienst erledigten Christen.   

Das alles änderte sich in den schrecklichen Jahren der NS-Diktatur. In der Reichskristallnacht 1938 wurde auch die Synagoge in Hainsfarth von Mitgliedern der NSDAP gestürmt und geschändet. In dieser Zeit der Entrechtung und Verfolgung gab es jedoch auch in Hainsfarth viele Beispiele von Nächstenliebe gegenüber den bedrängten jüdischen Nachbarn. So war bei der heimlichen Flucht der Familie Steinharter die Nachbarfamilie Griesbauer eingeweiht und schwieg über deren Fluchtpläne. Die Lebensmittelhändlerin Eugenie Scheller brachte ihren jüdischen Nachbarn heimlich Lebensmittel. Dem damaligen, im Oktober 1938 verstorbenen Bürgermeister August Wiedemann wurde von vielen Zeitzeugen, aber auch von Geflüchteten ein äußerst menschliches Verhalten gegenüber den Hainsfarther Juden bescheinigt, das oft weit über den Ermessungsspielraum hinausging. In seinem Haus wurde Jahrzehnte später bei Renovierungsarbeiten die versteckte Thorarolle gefunden.

Von den 44 in der NS-Zeit noch in Hainsfarth wohnhaften Juden gelang 13 nachweislich die Flucht, von fünf anderen ist das Schicksal ungeklärt. 26 Hainsfarther Juden und mindestens zwölf in Hainsfarth geborene Personen wurden deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet. Im August 1942 waren die letzten von ihnen aus Hainsfarth abgeholt worden.

Die Synagoge wurde am 31. März 1939 zusammen mit der Schule an die politische Gemeinde verkauft. Nach dem Krieg war die amerikanische Militärregierung bemüht, den enteigneten jüdischen Besitz zu sichern und an die jüdische Nachlassverwaltung zurückzuführen. Natürlich hatte von den Überlebenden des Holocaust keiner mehr ein Interesse, nach Hainsfarth zurückzukehren.

So wurde die ehemalige Synagoge 1950 an den Spar- und Darlehenskassenverein veräußert, der dort 1956 eine Gemeinschaftsgefrieranlage eingebaut hat. Rechts im Bild ist der Rückbau dieser Gefrieranlage zu sehen. Der Rest des Gebäudes wurde damals als Kunstdüngerlager genutzt.

Im Jahr 1963 erwarb die Evangelische Kirchengemeinde Oettingen das Synagogengebäude. Die ursprünglichen Pläne zum Umbau zu einer Kirche wurden wieder verworfen.

1978 wurde die Synagoge an die politische Gemeinde verkauft und als Bauhof genutzt. Links im Bild sehen Sie den damaligen Zustand mit dem eingebauten Tor. Nach Anregungen von Carl Völkl, Chefredakteur der Rieser Nachrichten und Staatsminister Anton Jaumann wurde ernsthaft über die Renovierung des Gebäudes nachgedacht. Am 18. Januar 1984 fand hierzu ein erstes Expertengespräch statt. Nach langwierigen Planungen wurde 1989 das Gebäude ausgeräumt und ab 1993 mit den Bauarbeiten begonnen.

Insgesamt kostete die Sanierung der Synagoge 2 Millionen DM. Neben der Mithilfe bei der Finanzierung durch die politische Gemeinde Hainsfarth war es auch wichtig, in den Gremien und in der Bevölkerung dieses Projekt durchzusetzen und Akzeptanz für das Projekt zu schaffen. Ida Oltmann, Jahrgang 1915 hat sich als Kreisrätin und Gemeinderätin sehr stark für die Instandsetzung der Synagoge eingesetzt. Für ihr vielfältiges ehrenamtliches Engagement erhielt die 2002 verstorbene Hainsfartherin im Jahr 1982 das Bundesverdienstkreuz. Links im Bild ist Max Engelhardt zu sehen. Der Name des damaligen Hainsfarther Bürgermeisters ist untrennbar mit der Renovierung der Synagoge verbunden. Sein Engagement brachte ihm hierfür nicht nur Lob und Anerkennung ein. Trotz vieler Widerstände konnte die Sanierung zu einem glücklichen Ende gebracht werden.

Die Synagoge wurde nach dreijähriger Umbauzeit am 28. April 1996 mit einer Abschlussfeier eingeweiht. Unter den Ehrengästen befand sich damals auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Ignatz Bubis.

Michael Ries/Michael Reese

Makler in Chicago
* 11.06.1815 Hs.-Nr. 14,
+ 02.08.1878 Wallerstein

Wie bereits angesprochen sank die Größe der Hainsfarther Judengemeinde im 19. Jahrhundert sehr stark. Viele junge Leute zogen aus den Dörfern in die Städte. Allerorten ist ein starker Rückgang in den jüdischen Landgemeinden zu verzeichnen, während die Städte starken Zuwachs erhielten. In Nördlingen bildete sich ab 1860 nach 350 Jahren wieder eine jüdische Gemeinde.

Aber auch die Auswanderung nach Übersee führte zu einem starken Aderlass bei der Hainsfarther Gemeinde. Von 147 namentlich bekannten Auswanderern aus Hainsfarth waren 72 jüdischen Glaubens. Der früheste und zugleich bekannteste Name ist Michael Ries. Im Jahr 1815 in Hainsfarth im Haus Nummer 14 nahe der katholischen Kirche geboren, ging er zunächst nach München und landete 1838 in Baltimore. Zuerst im Gerberhandwerk tätig, gründete er später eine Importfirma in New York. Seine Geschwister folgten ihm in die Neue Welt. Seine Geschäfte führten in über Rückschläge und Bankrott bis zum Multimillionär.

Bereits als angesehener Gönner der Universität von Californien reiste er 1878 nach Europa, wo er bei einem Besuch des Grabes seiner Mutter in Wallerstein an einem Schlaganfall starb. Sein monumentales Grabdenkmal in Wallerstein ist heute noch erhalten. Er bedachte in seinem Testament auch die israelitische Kultusgemeinde und die politische Gemeinde in Hainsfarth mit beträchtlichen Summen. Aus dem Nachlass wurde das Armenhaus errichtet. Ein Krankenhaus in Chicago wurde mit 200.000 Dollar bedacht und nennt sich heute noch "Michael Reese Hospital". Sie sehen es rechts unten. 

Heinrich Aufhäuser

Ein anderer gebürtiger Hainsfarther machte in München Karriere. Als Hirsch Aufhäuser am 1. März 1842 in Hainsfarth geboren ist seine rituelle Beschneidung am 9. März in das Standesregister eingetragen.

Die Eltern lebten in äußerst bescheidenen Verhältnissen hier in der Nachbarschaft am Rosenbuck 3 (später Familie Hertlein). Unter dem eingedeutschten Namen Heinrich Aufhäuser gründete der nach München Abgewanderte dort 1870 das Bankhaus "Aufhäuser und Scharlach".

Geschäftlicher Erfolg führte zur Verleihung von Vorstandsposten an der Münchner Börse, dem Münchner Handelsverein und der dortigen Israelitischen Kultusgemeinde. 1914 wurde er zum königlich-bayerischen Kommerzienrat ernannt. Er verstarb im Jahr 1917. Das Bankhaus führten danach seine Söhne weiter. Unter dem Namen "Hauck & Aufhäuser" gehört es noch heute zu den feinen Adressen in München.

Therese Giehse

(eigentlich Therese Gift) * 1898, + 1975 München
Tochter von Salomon Gift und Gertrude geb. Hainemann

Direkt in der Nachbarschaft wurde 1849 in dem Haus "Rosenbuck 1" (heute Familie Regel) Salomon Gift geboren. Als 14-jähriger kam er mit seiner Familie nach München, wo er später Gertrude Hainemann heiratete. Aus der Ehe ging 1898 die Tochter Therese hervor, die später als Schauspielerin Therese Giehse Karriere machte. Während der NS-Zeit nach Amerika geflohen war sie später im Ensemble von Bertold Brecht aktiv und kam als "Mutter Courage" 1941 in Zürich zu Bekanntheit. Bis zu ihrem Tod 1975 war sie in zahlreichen Filmen und Serien im Fernsehen zu sehen. 1988 wurde ihr eine Briefmarke gewidmet.

Heinrich Steiner

(* 28.01.1881), Handelsmann,
   Feuerwehr 05.01.1881,
   Schriftführer und Ehrendiplom 1896
   08.02.1931 Ehrenmitglied nach 50-jähriger Dienstzeit
   am 25.08.1943 von Nürnberg deportiert
       nach Theresienstadt
Frau und Tochter starben noch in Hainsfarth,
    weitere Tochter 1938 nach Palästina

In Hainsfarth waren die Juden sehr stark in das Gemeindeleben integriert. Im Gemeinderat waren sie ebenso aktiv wie in den Dorfvereinen. Die 1871 gegründete Freiwillige Feuerwehr Hainsfarth führt in den Mitgliederverzeichnissen 16 Hainsfarther Juden auf. Am 25. Febr. 1935 wurden die letzten im Verein verbliebenen Juden aufgrund ihrer nichtarischen Abstammung aus dem Verein ausgeschlossen. Viele von Ihnen waren zuvor langjährig aktiv gewesen. Hier in Beispiel: Der 1861 in Steinhart geborene Hajum oder Heinrich Steiner kam bei der Auflösung der dortigen Judengemeinde mit seiner Familie nach Hainsfarth, wo er später einen eigenen Hausstand gründete. Er lebte neben der katholischen Kirche im Anwesen Pfarrgasse 2 - heute Familie Meyer, Hausname "Gratz".  Heinrich Steiner, bei dem übrigens meine Großmutter als Dienstmagd tätig war, betätigte sich als Viehhändler. Er trat 1881 in die Hainsfarther Feuerwehr ein. 1896 wurde er zum Schriftführer berufen und 1931 nach 50-jähriger Dienstzeit zum Ehrenmitglied ernannt, wie das Protokollbuch ausweist. Er wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Seine Frau und eine Tochter starben noch in Hainsfarth. Eine weitere Tochter ist 1938 nach Palästina geflohen.

Gefallene Juden im 1. Weltkrieg

Auch der Veteranenverein hatte jüdische Mitglieder. Immerhin kämpften im 1. Weltkrieg auch Hainsfarther Juden für das Deutsche Reich. Einige von ihnen sind auch gefallen. Drei ihrer Namen finden sich am Kriegerdenkmal. Auch im Gesangverein ist mit Hermann Reiter ab 1909 ein jüdisches Mitglied zu verzeichnen. Auf dem großen Bild der Schützengesellschaft von 1910 ist in der Mitte der 1845 geborene Schneidermeister Joseph Schloßmann inmitten seiner Schützenbrüder zu sehen. Er ist 1916 gestorben und wurde in Hainsfarth begraben.

Schicksale einiger Einwohner in der NS-Zeit

Besonders bewegend sind die Schicksale der deportierten Juden, die aus Hainsfarth stammen. Zu Ihnen zählt Julius Steiner, der im Jahr 1900 als Sohn des Gemeinderates Isidor Steiner in der Mühlgasse geboren worden ist. Später als Kaufmann in Oettingen lebend, wurde er 1939 nach Augsburg zwangsumgesiedelt und später mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert.

Adolf Schäfer, der 1875 in Hainsfarth in der Jurastraße 2 geboren wurde, war ab 1914 als Kaufmann in Stuttgart tätig und verheiratet. 1940 wurde er in eine Gemeinschaftsunterkunft zwangsumgesiedelt und am 26. April 1942 mit 280 Juden aus Württemberg nach Izbica in Polen deportiert. Seine sämtlichen Geschwister wurden ebenfalls ermordet. Lediglich den Geschwistern seiner Frau Lina Marx gelang die Flucht. Im Jahr 2015 wurde an seinem ehemaligen Wohnhaus in Stuttgart in der Elisabethenstraße 40 ein Stolperstein zu seinem Gedenken angebracht.

Besonders bewegend ist das rechte Bild. Es zeigt die 1868 geborene Jette Engländer, mit ihrem 1934 geborenen Enkel Martin Gernsheimer. Sie lebte bis zu ihrer Deportation in Hainsfarth in der Steinstraße 4. Ihr Sohn Siegfried wanderte nach Argentinien aus, während vom Schicksal des Sohnes Julius keine Nachricht bekannt ist. Der Enkel Martin Gernsheimer wurde als achtjähriger Bub zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter nach Piaski in Polen deportiert und ermordet.